Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
liebe Arbeitsgemeinschaft Auricher Frauen,
es ist mir eine große Freude – und, ich sage es ganz offen, auch ein starkes Zeichen –, dass ich heute erneut die Auricher Frauenwochen eröffnen darf. Schon im vergangenen Jahr durfte ich hier stehen und über Frauenempowerment sprechen, über Sichtbarkeit, über das Einreißen unsichtbarer Mauern.
Dass wir uns heute wieder versammeln, zeigt: Dieses Engagement ist kein Strohfeuer. Es ist beständig. Und es ist notwendig.
Denn das diesjährige Motto lautet nicht zufällig: „Kein Schritt zurück.“
Das ist kein wohlklingender Slogan. Es ist eine Haltung.
Und es ist – wenn wir ehrlich sind – auch eine Warnung.
Wir leben in Zeiten eines spürbaren globalen Gegenwinds. Gleichstellung, die wir lange als selbstverständlich erkämpft und verankert glaubten, steht wieder zur Disposition.
Nicht nur irgendwo weit weg, sondern mitten in unserem Land. Wenn in Bundesländern wie Sachsen Gleichstellungsarbeit zur freiwilligen Leistung erklärt wird, dann ist das
mehr als eine verwaltungstechnische Entscheidung. Dann ist das ein politisches Signal.
Und leider kein gutes.
Denn freiwillig heißt eben auch: verzichtbar. Und verzichtbar heißt: verhandelbar.
Und genau das darf Gleichstellung niemals sein.
Gerade deshalb ist es wichtig, heute beides zu tun: Bilanz ziehen – und wachsam sein.
Wenn wir auf die Errungenschaften der letzten Jahre blicken, dann gibt es vieles, worauf wir stolz sein können. Gleichstellungsbeauftragte sind heute fest in Verwaltungen
verankert. Themen wie sexuelle Belästigung, Gewalt gegen Frauen oder strukturelle Benachteiligung werden nicht mehr totgeschwiegen, sondern benannt. Netzwerke wie
die Arbeitsgemeinschaft Auricher Frauen leisten seit Jahrzehnten unverzichtbare Arbeit – sichtbar, beharrlich und wirksam.
Und wenn wir über Errungenschaften sprechen, dann dürfen wir dabei auch selbstbewusst auf unsere Region blicken.
Hier in Aurich – und in Niedersachsen insgesamt – verstehen wir Gleichstellung nicht als freiwillige Kür, sondern als demokratische Pflicht. Niedersachsen hat früh erkannt,
dass Gleichstellungsarbeit verlässliche Strukturen braucht: in den Kommunen, in der Verwaltung, in der Fläche.
Auch hier vor Ort sehen wir, was das bewirken kann. Gleichstellung findet in Aurich nicht nur auf dem Papier statt, sondern im konkreten Handeln: durch engagierte
Netzwerke, durch kontinuierliche politische Arbeit und durch Menschen, die Verantwortung übernehmen – oft seit vielen Jahren.
Dass die Auricher Frauenwochen bereits zum 36. Mal stattfinden, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Kontinuität, von Beharrlichkeit und von der festen Überzeugung, dass
Gleichberechtigung nicht von allein wächst, sondern gepflegt, geschützt und immer wieder neu eingefordert werden muss.
Aber genau hier beginnt die andere Seite der Bilanz.
Denn während wir Erfolge verzeichnen, erleben wir gleichzeitig, wie Gleichstellung wieder infrage gestellt wird. Wie sie als „nice to have“ abgetan wird. Wie Stimmen lauter werden, die sagen: Haben wir nicht längst genug getan? Gibt es nicht dringendere Themen?
Meine klare Antwort darauf lautet: Nein.
Solange Frauen im Durchschnitt weniger verdienen,
solange Care-Arbeit ungleich verteilt ist,
solange Frauen politisch und wirtschaftlich unterrepräsentiert sind,
solange Gewalt gegen Frauen Realität ist,
solange ist Gleichstellung eben keine Nebensache.
Gerade deshalb schauen wir mit Sorge auf die Entwicklungen in anderen Bundesländern.
Wenn Gleichstellung dort zur freiwilligen Leistung erklärt wird, dann betrifft uns das alle – auch hier in Ostfriesland. Denn Rückschritte machen nicht an Landesgrenzen halt.
Sie beginnen leise, sie werden oft als pragmatisch oder notwendig verkauft – und sie entfalten ihre Wirkung schleichend.
Umso wichtiger ist es, dass wir hier in Aurich klar Haltung zeigen: Gleichstellung ist kein Luxus. Sie ist kein Projekt auf Zeit.
Gleichstellung ist kein Zuckerguss, den man aufträgt, wenn alles andere schon steht. Sie ist ein Fundament unserer Demokratie. Fundamente fallen selten ins Auge – erst, wenn sie Risse zeigen, richtet man den Blick auf sie. Doch genau dann haben wir die Chance, sie zu reparieren, bevor sie größer werden. Und einer dieser Risse ist der globale Gegenwind, der viele Errungenschaften unserer Zeit auf die Probe stellt.
Dieser Gegenwind, den wir aktuell spüren, ist real. Er äußert sich in politischen Entscheidungen, in gesellschaftlichen Debatten, aber auch in einem Umgangston, der weniger zuhört und schneller abwertet. Frauen, die sich äußern, gelten wieder schneller als „zu laut“, „zu radikal“ oder „überempfindlich“. Das kennen wir. Und wir wissen: Das ist kein Zufall, sondern ein Muster.
Umso wichtiger ist es, dass wir uns nicht entmutigen lassen. Dass wir klar benennen, was auf dem Spiel steht. Und dass wir uns gegenseitig stärken.
Gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle erneut der Arbeitsgemeinschaft Auricher Frauen danken. Euer Engagement ist kein Selbstzweck. Es ist ein Schutzraum, ein Resonanzraum und ein politischer Raum zugleich. Ihr macht sichtbar, was sonst zu leicht an den Rand gedrängt wird. Diese Arbeit ist nicht immer laut, aber sie ist wirksam. Und sie ist unverzichtbar.
Die Auricher Frauenwochen sind deshalb weit mehr als eine Veranstaltungsreihe. Sie sind ein Statement. Ein Zeichen dafür, dass wir aufmerksam bleiben. Dass wir uns nicht zurücklehnen. Und dass wir klar sagen: Errungenschaften werden verteidigt. Und weiterentwickelt.
Lassen Sie uns diese Wochen nutzen, um genau darüber zu sprechen: über Erfolge, ja – aber auch über Risiken. Über das, was wir erreicht haben, und über das, was wir nicht verlieren dürfen.
Die Auricher Frauenwochen sind ein Ort der Begegnung und der Ermutigung. Aber sie sind auch ein Versprechen – an uns selbst und an die nächste Generation. Das Versprechen, dass wir nicht zulassen, dass Errungenschaften still und leise zurückgedreht werden.
„Kein Schritt zurück“ bedeutet nicht, dass alles perfekt ist. Es bedeutet, dass wir hinschauen. Dass wir widersprechen. Dass wir Verantwortung übernehmen – auch dann, wenn es unbequem wird.
Vielleicht sind es am Ende nicht die großen politischen Entscheidungen, an die wir uns erinnern. Vielleicht sind es die Gespräche, die hier beginnen. Die Netzwerke, die hier wachsen. Die Gewissheit, nicht allein zu sein.
Wenn junge Frauen heute aufwachsen, dann sollen sie wissen: Gleichberechtigung ist kein Geschenk, das man ihnen jederzeit wieder nehmen kann. Sie ist ein Recht. Und sie wird verteidigt – hier in Aurich und überall dort, wo Menschen sagen: Kein Schritt zurück.
Ich danke euch allen für euren Mut, eure Haltung und euer Engagement. Lasst uns diese Frauenwochen nutzen, um Kraft zu schöpfen, um uns zu vernetzen – und um gemeinsam nach vorne zu gehen.
Mit Zuversicht, mit Entschlossenheit und mit der klaren Botschaft: Wir bleiben dran.
Vielen Dank!
